INTERVIEW | Tom Dwan: Poker stirbt und die meisten Regs verstehen private Games nicht

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Tom Dwan gehört zu den ikonischsten Figuren der modernen Poker-Ära. Bekannt wurde er schon in jungen Jahren unter dem Spitznamen „durrrr“, als er an den High Stakes Tischen online furchtlos, aggressiv und oft gegen die stärksten Gegner der Welt spielte. Sein Stil, der Mut, sich in riesige Pötte zu stürzen, und legendäre Auftritte in Shows wie High Stakes Poker oder Poker After Dark machten ihn zu einem der Gesichter des Poker-Booms.

In den letzten Jahren wurde Dwans Ruf jedoch nicht nur durch Karten geprägt, sondern auch durch beunruhigende Nachrichten abseits der Tische. Er gab öffentlich zu, dass er nach einer schwierigen Zeit viel zurückgezogener lebt, dass er kleinere Schulden bei einigen engen Freunden hat, aber er bestreitet hartnäckige Gerüchte über eine riesige 30$ Millionen Schuldenlast und bezeichnet sie als unwahr oder stark übertrieben. Um seinen Namen ranken sich in den letzten Jahren viele Gerüchte, Spekulationen und öffentliche Streitigkeiten, sei es mit Mafia oder Psychiatrie – sicherlich erinnerst du dich an die beunruhigenden Nachrichten von der psychiatrischen Abteilung in London.

Fast ein Jahr nach diesen Ereignissen ist Tom zurück in der Öffentlichkeit und im Interview für Run It Once schlägt er einen neuen Ton an. Durrrr spricht über Downswings, private Games, Solver, KI und darüber, warum aus seiner Sicht viele Profis immer noch nicht verstehen, wie Poker außerhalb der Tabellen und der Theorie tatsächlich funktioniert.

Das Ego, das Gewinner von Verlierern trennt

Einer der stärksten Punkte des Interviews kommt gleich beim Thema Downswings. Dwan gibt offen zu, dass Tilt keine Schwäche einiger Auserwählter ist, sondern die Realität jedes Spielers. Er sagt, dass er außerhalb des Tisches mehr Frustration abgelassen hat als viele andere High Stakes Regs, aber genau das habe ihm laut eigener Aussage geholfen, den Druck besser zu bewältigen, als wenn er alles in sich hineingefressen hätte. Er fügt hinzu, dass ihn nicht nur das Ergebnis verärgert hat, sondern vor allem die Momente, in denen er wusste, dass er in dem Spiel nicht mehr sein sollte und dennoch dort blieb, um sein eigenes Ego zu testen.

Gerade das Ego ist laut Dwan einer der Faktoren, die langfristige Gewinner von den Spielern unterscheiden, die im Poker nur ihrem eigenen Bild hinterherjagen. Er erinnert sich, dass er von den alten High Stakes Spielern einen einfachen Grundsatz gelernt hat: nicht spielen, um sich selbst etwas zu beweisen, sondern spielen, damit dein Konto wächst. Und obwohl er zugibt, dass auch er manchmal „Ego-Fehler“ gemacht hat, lernte er im Laufe der Zeit, dass der größte Vorteil oft nicht im Kampf gegen die Besten liegt, sondern in der Disziplin, die richtigen Spots auszuwählen.

Grundlagen guter privater Spiele

Noch interessanter ist seine Sicht auf private Games. Dwan sagt unverblümt, dass einer der größten Irrtümer der High Stakes Gemeinschaft die Behauptung ist, dass „es den Fischen egal ist“. Seiner Meinung nach ist genau das Gegenteil der Fall: Freizeitspieler spüren die Atmosphäre am Tisch sehr gut, nehmen das Verhalten der Gegner wahr und entscheiden oft genau deshalb, wer überhaupt teilnehmen darf.

Dwan erklärt, dass es nicht darum geht, Freizeitspielern blind Chips zu schenken, sondern Situationen zu schaffen, die unterhaltsam und einprägsam sind, gleichzeitig aber nicht unnötig viel Equity kosten. In diesem Zusammenhang ergänzt er, dass ihn unter den Spielern in asiatischen privaten Games am meisten Elton Tsang beeindruckte, der seiner Meinung nach in den größten Momenten immer die „beste Version seiner selbst“ werden konnte.

Tom Dwan an der Seite von Elton Tsang während des Triton Cash Game

Zuhause hat sich verändert, wir müssen uns auch verändern

Der nostalgische Teil des Interviews bietet Dwans Rückkehr zu bekannten Händen und legendären Folds. Anstatt einem billigen Ergebnisbewundern, interessiert er sich dafür, was genau in der Range oder im Denken des Gegners versagt haben musste, damit so ein Hero Fold überhaupt Sinn ergibt. Genau das ist der alte durrrr in seiner reinsten Form: weniger Fassade, mehr Schichten, mehr Logik und ständiges Suchen nach Leaks dort, wo die meisten Zuschauer nur ein eindrucksvolles Highlight für die sozialen Netzwerke sehen. Zwischendurch deutete er auch an, dass er, wenn sich die Gelegenheit ergäbe, gerne wieder bei High Stakes Poker auftreten würde, was sicherlich für Fans seiner Fernsehzeiten von Interesse ist.

Die bedeutendste Botschaft des gesamten Interviews kommt jedoch erst am Ende. Dwan gesteht, dass Poker aus seiner Sicht vor der Ära der Solver unterhaltsamer war, fügt aber hinzu, dass es keinen Sinn macht, sich als alter Mann zu gebärden, der schreit und gegen die ganze Welt kämpft. KI ist hier, hat das Poker verändert und verändert den Rest der Welt ebenfalls.

Laut Dwan sollten sich daher intelligente Pokerspieler die Fähigkeiten zunutze machen, die sie im Spiel erworben haben, in Bereichen, wo noch nicht alles so perfekt „gelöst“ ist. Und dann kommt ein Satz, der in der Gemeinschaft am meisten nachhallen wird: „Meiner Meinung nach stirbt Poker.“ Darin liegt die Kraft dieses Interviews – Tom Dwan spricht nicht mehr nur darüber, wie man besser Karten spielt, sondern darüber, ob das alte Poker-Modell überhaupt noch eine Zukunft hat.

 

Quellen - YouTube, TritonPoker, PokerNews